Ilas oder war Homer Türke?


Was für ein seltener Vorname“, sagen Menschen, denen ich mich mit meinem Taufnamen „Ilas” bekannt mache. Auf diese Feststellung folgt meist unverzüglich dieses: „Wo kommt der denn her?“


Auf diese Frage kann ich inzwischen viele Antworten geben. Natürlich habe ich mich zuerst an die gewandt, von denen ich felsenfest mit einer Antwort rechnen durfte – meine Eltern. „Es ist wahrscheinlich eine Abkürzung von Nikolaus oder Niklas“, vermuteten Mutter und Vater zu meiner Überraschung. Ein Bekannter des Vaters heiße so – und der Name klinge doch schön. Wenn dieser Bekannte, ein Ikonenhändler, wieder einmal in die Stadt käme, wolle man ihn fragen.


Er kam – Jahre später. Ich war immer noch Kind. Meine Eltern gingen hin und erzählten ihm vom Taufnamen ihres Sohnes. Aber statt einer Antwort soll er nur „Oh, Gott!“ gesagt haben. Nach erster Erholung von diesem Schreck, sprach er vom Tod seiner Eltern im Kriege und dass er es so genau auch nicht wisse. Angeblich hätten sich seine Eltern auf den Mädchennamen Alice geeinigt. Der Jungenname blieb strittig, so dass der Vater schließlich die Buchstaben von Alice geschüttelt und klangvoll neu zu Ilas zusammengestellt habe. Immerhin ließ mir der ältere Ilas eine Visitenkarte mit einem kleinen handschriftlichen Gruß zukommen: „Von deinem Namenspatron“. Die Karte mit seiner Adresse habe ich noch heute. Aber die Adresse gilt nicht mehr. Jemand erzählte mir, er sei schon lange gestorben.


Als Jugendlicher antwortete ich auf die Frage nach der Herkunft meines Vornamens meist mit der Niklas-Version. In diesem Alter mag man keine Ungewissheiten.


Aber das Rätseln ging weiter. „Dein Name”, erklärte mir ein hilfreicher Deutschlehrer, „stammt aus dem Ungarischen und wird 'Ilasch' ausgesprochen.” Er wisse das genau, da er den Krieg in Ungarn verbracht habe. Fortan wurde ich in seinen Deutschstunden mit „Ilasch“ aufgerufen. Meinte er mich?


Unterschlagen will ich nicht, dass andere wohlmeinende Mitmenschen mir mit Ilias und Elias weiter zu helfen versuchten. Aber einmal an einen Vornamen mit vier Buchstaben gewöhnt, sprach mich der Zuwachse zur Fünf nicht sonderlich an.


Fremd auf Parties ist mein Vorname ein guter Gesprächseröffner. Ich erinnere mich allerdings an eine Fete, auf der ich etwa ein Dutzend Mal nach der Herkunft meines Rufnamens gefragt wurde. Irgendwann im Laufe dieses Abends entschloss ich mich zur Fiktion – ich glaube fürs Baskische. Bei anderer Gelegenheit schlug mir eine hilfreiche Gesprächspartnerin isländische Wurzeln vor. Eine isländische Kommilitonin wollte das ein paar Tage später partout nicht bestätigen.

Auch eine mongolische Herkunft des Vornamens erwies sich als Trugschluss. Und als ich bei meinen eignen Recherchen auf einen biblischen Heerführer im Troß Davids namens Elas stieß, erklärten mir die Spezialisten, dass ein Vokalverschiebung im Hebräischen von E nach I nicht vorkomme.


Eines Tages aber stand es schwarz auf weiß unter Vermischtes in der Zeitung: Der syrische Verteidigungsminister Ilas liebt Lady Di. Warum er das tat, ist hier unwichtig. Bedeutungsvoll allerdings, dass am kommenden Tag sich die Redaktion für den Satzfehler entschuldigte: Der syrische Verteidigungsminister heiße Tlas. Immerhin konnte ich mich fast vierundzwanzig Stunden lang mit der Gewissheit einer erfolgversprechenden syrischen Spur wiegen einen arabischen Vornamen zu tragen.


Als gebürtiger Hannoveraner will ich die lange Zeit von mir favorisierte Schwitters-Variante nicht verschweigen. Sie erschien mir sinnvoller als die Alice-Version meines „Namenspatrons“. „Re von nah“ heißt Hannover für Dadaisten. Da schien Ilas als Dada-Fassung für den Schweizer Mädchennamens „Sali“ nur allzu schlüssig.


Auf einer Reise las ich im Wirtschaftsteil einer Zeitung, dass der Kurs von ILAS sehr erfreulich verlaufe. Zu meiner Enttäuschung musste ich feststellen, dass nicht ich, sondern ein „Internet Logistic A.... System“ gemeint war. Allerdings brachte mich dieser Zusammenhang entscheidend weiter: Das Netz der Netze würde sicher des Rätsels Lösung kennen. Am gleichen Abend tippte ich bei verschiedenen Suchmaschinen meinen Vornamen ein. Es gab einige Hinweise auf ILAS, aber nur wenige hilfreiche. Immerhin stieß ich auf eine zeitgenössische Geschichte, die einen irischen Mythos bemüht, der auf einer Insel namens „Ilas“ spielt.


Und schließlich fand sich ein Link, der schlicht erklärte: Ilas siehe Ilos siehe Troja. Bei Homer kann man bekanntlich mehr über diese Zusammenhänge lesen.


Hatte da nicht Fazil, der Volksschullehrer, aus dem kleinen Dorf an der türkischen Ägisküste beinah den Nagel auf den Kopf getroffen als wir drei Wochen in seinem Haus wohnten: „Ilas? Türkisch: Ilias!“ Wenn das stimmt, muss nur noch eine Frage geklärt werden: War Homer Türke?


© Ilas Körner-Wellershaus, 2002





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